Pogrome an Aleviten

Die Pogrome von Corum, Kahramanmaras und Malatya, der Brandanschlag von Sivas (Madimak) und die Unruhen in Gazi sind die blutigsten alevitenfeindlichen Ausschreitungen der modernen türkischen Republik. Die Pogrome von Corum, Kahramanmaras und Malatya geschahen vor dem Armeeputsch am 12. September 1980 und die Ausschreitungen von Sivas und Gazi in den 1990er Jahren.

Am 17. April 1978 wurde der bürgerlich-konservative Bürgermeister der Stadt Malatya, Hamid Fendoglu (1919–1978), durch einen Bombenanschlag ermordet. Am nächsten Tag versammelten sich Tausende von Ultra-Nationalisten im Stadtzentrum. Zu Beginn der Versammlung richtete sich der Hass gegen Sozialdemokraten und Kommunisten. Aber es dauerte nicht lange, bis die Aleviten ins Visier genommen wurden. Die Häuser und Läden, die schon früher gebrandmarkt wurden, wurden während der Ausschreitungen in Brand gesetzt. Die Polizeibeamten schritten nicht ein und Dutzende von Aleviten wurden brutal ermordet. Der Pogrom dauerte mehrere Tage. Am Ende musste die Armee einrücken.[1] Der Pogrom von Malatya war aber nur der Beginn einer blutigen Gewaltspirale.

Acht Monate später kam es zu einem ähnlichen Ereignis in Kahramanmaras, aber dieses Mal in einem noch grösseren Umfang. Am 19. Dezember 1978 wurde während einer Filmvorführung in einem Kino eine Blendgranate geworfen. Etwa 10 Personen wurden dabei leicht verletzt. Da dieser Film türkisch-nationalistische Wesenszüge aufwies, wurde das Attentat von der nationalistischen Partei (MHP) als Angriff auf ihre Integrität bewertet. Schnell versammelten sich die sogenannten Ülkücüler (die Anhänger der MHP), um eine Gegenoffensive zu starten. Mit der Devise „der Sieg gehört dem Islam, nieder mit den Kommunisten“ zogen die Demonstranten durch die Strassen.[2] Was als Kampf zwischen Rechten und Linken begann, wurde schnell zu einem Massaker an den Aleviten. Denn einige Tagen vor den Geschehnissen wurden die Häuser der Aleviten markiert. Die Angriffe wurden aufgrund dessen gezielt ausgeführt. Nach offiziellen Angaben wurden über 100 Aleviten ermordet und über 200 Häuser verwüstet. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft nahmen 1.350 Extremisten am Massaker teil, wahrscheinlich war die Zahl der Beteiligten aber viel höher. Obwohl über 350 Menschen für schuldig gesprochen wurden, wurden bis heute die Drahtzieher nicht gefasst.[3] Die Beteiligung des türkischen Staates wird sogar vom türkischen Parlament nicht ausgeschlossen.[4]

Bei genauer Betrachtung ist ersichtlich, dass bei den Geschehnissen der Sozialneid eine wichtige Rolle spielte. Einige Jahre vor dem Pogrom von Kahramanmaras wurde das Geschäft mit der Baumwolle lukrativer und davon profitierten insbesondere die Anwohner der Pazarcik-Ebene, wo die Aleviten mehrheitlich lebten.[5] Die sunnitische Elite fürchtete wahrscheinlich, ihre privilegierte Stellung fortan mit einer Minderheit teilen zu müssen und ihre Vorherrschaft zu verlieren.

Drei Monate vor dem Armeeputsch vom 12. September 1980 kam es zu einer ähnlichen Ausschreitung. Dieses Mal war die Provinz Corum betroffen. Auch in dieser Region lebten verhältnismässig viele Aleviten. Dieses Ereignis ging nach dem gleichen Muster vor sich: Ein MHP-Anhänger wurde Opfer eines Attentates, das von Linksextremisten ausgeführt wurde. Der wütende Mob griff die alevitische Nachbarschaft an. Über 50 Aleviten kamen bei den Ausschreitungen ums Leben. Auch hier wird eine staatliche Beteiligung vermutet.[6]

Nach dem erfolgreichen Militärputsch vom 12. September 1980 wurde die Lage ruhiger, aber am 2. Juli 1993 kam es zum nächsten grossen Massaker. In Sivas fand zu dieser Zeit ein alevitisches Kulturfestival statt, an dem der türkische Autor Aziz Nesin, der vorher Auszüge der „satanischen Verse“ von Salman Rushdie veröffentlicht hatte, teilnahm. Aziz Nesin galt damals in radikal-islamistischen Kreisen als ketzerisch. Nach dem Freitagsgebet versammelten sich Tausende von Menschen vor dem Madimak Hotel, in dem auch Aziz Nesin übernachtete. Der Mob setzte das Hotel in Brand und 37 Menschen, zumeist Aleviten, wurden getötet. Weder Sicherheitskräfte noch Feuerwehrmänner versuchten, die alevitenfeindlichen Ausschreitungen zu verhindern.[7] In den 1990er Jahren kam es auch in Istanbul zu Ausschreitungen. Im Zuge der Unruhen im Istanbuler Quartier Gazi tötete die Polizei nach offiziellen Angaben 15 Aleviten.[8]

Ramazan Özgü


 [1] Aleviyol Dergisi, Malatya Katliami, unter: http://www.aschaffenburg-abkm.com/katliamlar/malatya.html (abgerufen am 15. Mai 2017).
[2] Türkiye Büyük Millet Meclisi, Ülkemizde Demokrasiye Müdahale Eden Tüm Darbe ve Muhtiralar ile Demokrasiyi Islevsiz Kilan Diger Bütün Girisim ve Süreclerin Tüm Boyutlari ile Arastirilarak Alinmasi Gereken Önlemlerin Belirlenmesi Amaciyla Kuruluan Meclis Arastirmasi Komisyonu Raporu, Cilt 2, Kasim 2012, Dönem 24, Yasama Yili 3, (S. Sayisi: 376), Seite 753.
[3] Kilic, Abdullah, 2011, Maras katliami MIT planiydi, unter: http://www.radikal.com.tr/turkiye/maras-katliami-mit-planiydi-1073231/ (abgerufen am 16. Mai 2017).
[4] Türkiye Büyük Millet Meclisi, Ülkemizde Demokrasiye Müdahale Eden Tüm Darbe ve Muhtiralar ile Demokrasiyi Islevsiz Kilan Diger Bütün Girisim ve Süreclerin Tüm Boyutlari ile Arastirilarak Alinmasi Gereken Önlemlerin Belirlenmesi Amaciyla Kuruluan Meclis Arastirmasi Komisyonu Raporu, Cilt 2, Kasim 2012, Dönem 24, Yasama Yili 3, (S. Sayisi: 376).
[5] Kilic, Abdullah, 2011, Maras katliami MIT planiydi, unter: http://www.radikal.com.tr/turkiye/maras-katliami-mit-planiydi-1073231/ (abgerufen am 16. Mai 2017).
[6] T24, 2012, Çorum olaylarının savcısı Türker: Sağcıları ve solcuları vuran silah aynıydı, unter: http://t24.com.tr/haber/corum-olaylarinin-savcisi-sagcilarla-solculari-vuran-silah-ayniydi,208514 (abgerufen am 16. Mai 2017).
[7] Aslan, Rengin, 2015, Sivas 1993: Madimak Oteli’nde ne oldu, unter: http://www.bbc.com/turkce/haberler/2015/07/150702_sivas_1993 (abgerufen am 15. Mai 2017).
[8] NDR, 2017, 7 Tage … Istanbul, Dokumentarfilm, unter: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/7_tage/7-Tage-Istanbul,sendung626284.html (abgerufen am 16. Mai 2017).
Photo by Robert Bye on Unsplash

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